Daumenschmaus – Tramper, Anhalter, Hitchhiker

An einer einsamen Landstraße im Sonnenuntergang stehen zwei junge Menschen mit bunten Rucksäcken. Sie trägt ein Blumenkleid, er Jeans und offenes Haar. Die beiden lächeln breit und halten einen Karton vor ihre Brust. Süden kann man darauf in großen Lettern lesen. Neben den beiden liegt eine Gitarre, der man ansieht, dass sie viel erlebt hat.

Ein solches oder ähnliches Bild kennt ihr wahrscheinlich hauptsächlich von Werbeplakaten und aus Musikvideos. Tramper scheinen im Jahr 2017 zum Klischee eines Lebensgefühls verkommen zu sein. Für Freiheit und Unabhängigkeit, immer der Sonne entgegen, mit Individualität und ungebrochenem Optimismus. Meist wird damit für Produkte geworben, die solche Bilder transportieren wollen: Zigaretten, Getränke oder Vermögensberatung. Selten kommt dagegen der moderne Autofahrer in den Genuss einen Anhalter in freier Natur zu sehen.

Dabei ist das Trampen so alt wie das Rad. Bereits in der frühen Menschheitsgeschichte nutzten Reisende das  „anhalten“ von Kutschen und ähnlichen Fuhrwerken, um die die beschwerliche Wanderung für einen kurzen Abschnitt zu unterbrechen. Die ersten Spuren vom Trampen und dessen Etymologie in Deutschland finden sich seit den 1920ern. Die Hippiebewegung der 60er und 70er Jahre brachte eine neue Dimension in  die Reise mit dem Daumen. Wurde das Trampen vorher hauptsächlich aus ökonomischen Gründen genutzt, verbanden viele die Reise mittels Daumen mit einem Lebensgefühl. Ideale von Freiheit und grenzenloser Liebe

Ich fahre heute nach Erfurt. Das Auto habe ich mir geborgt und es scheint die Sonne. Ich treffe an einem Rasthof eine Unbekannte mit einem Schild „A9 Tribis“. Leider nicht meine Richtung. Trotzdem ist Zeit für einen kurzen Schnack. Sie wundert sich, dass es heutzutage kaum noch Gleichgesinnte Anhalter gibt. „Ist doch wunderbar, man trifft beim Trampen so viele nette Menschen.“ Die junge Frau ist am Morgen aus Berlin gestartet und ist auf der letzten Etappe. „Wenn man wirklich einen wichtigen Termin hat, würde ich das keinem empfehlen,“ sagt sie „es ist halt wirklich ungewiss. Aber die freudigen Überraschungen, wenn es doch klappt sind einmalig.“ Ich schenke ihr einen Schokoriegel und fahre weiter.

Aus ökonomischer und ökologischer Perspektive ist diese Art der Reise ziemlich einleuchtend. Ein Weg wird geteilt ohne, dass zwei Fahrzeuge bewegt werden müssen. Kein doppelter Schadstoffausstoß, mehr Platz auf der Straße. Auch aus solidarischer Hinsicht ist das Trampen erwähnenswert. Der Daumen als Bitte, der Autofahrer als hilfsbereiter Mensch, der dem Anhalter Obdach gewährt. Geradezu ein christliches Bild. Doch häufig ist das Trampen ein klassischer Tauschhandel. Denn der Anhalter ist kein Bettler, den man mit Kleingeld abspeist, er oder sie sind Wegbegleiter, Unterhalter und Gesprächspartner. In den meisten Fällen bieten sie ein Fenster in eine andere Realität. Sie sind oft weitgereist und voller Geschichten über Menschen und Orte. Immer mit einem Funkeln in den Augen.

Mittlerweile bin ich in Erfurt angekommen und gönne mir erstmal eine Bratwurst. Kurz vor der Ausfahrt stand ich nochmal eine Stunde im Stau. Das Parken in der Innenstadt ist eine Katastrophe und ich lasse mich ermattet in einen Stuhl fallen. Wäre ich entspannter mit dem Daumen gereist? Was denkt ihr übers Trampen? Schreibt‘s mir doch in die Kommentare.

Praktische Tipps zum Trampen in Deutschland und Europa gewürzt mit der einen oder anderen Trampergeschichte gibt’s nächsten Mittwoch. Also bleibt uns treu.

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